Fankultur, Kultur

Die feinen Unterschiede zwischen Fans und Fans

2011 hatte ich das Glück, jemanden kennenzulernen, der mit großer Leidenschaft und ganzem Herzen Fan des FC Bayern München ist. Wenn man es genau nimmt, ist er nicht bloß ein Anhänger des FCB, sondern auch ein Riesenfan der Fanszene, der er selbst schon länger als sein halbes Leben angehört.

Er liebt seinen Verein – und seine Community.

Eine schwere Erkrankung zwang ihn nun, nach 19 Jahren intensiver Fanarbeit, dazu, kürzerzutreten. In seinem Fall heißt das: Spiele des FC Bayern nicht mehr stehenden, springend und gröhlend von der Südkurve aus zu verfolgen, sondern von den Sitzplätzen, wo das Stadionerlebnis ein völlig anderes ist.

Die Südkurve ist für ihn der zentrale Ort, der sein Dasein als Fan definiert. Sie ist der Ort, an dem für ihn Community erlebbar ist. Sie ist sein third place – und von dem ist er nun zwangsweise ausgeschlossen.

In einem sehr persönlichen Blog-Artikel beschreibt er, wie sich dieses neue und ganz andere Fan-Dasein für ihn anfühlt. Die Innenperspektive, die er dabei offenlegt, ist faszinierend:

Er erinnert sich, wie ihn sein erstes Spiel im Stadion tief berührte; wie er sich zu seinen Leuten in die Südkurve gesellte, obwohl er eine Dauerkarte für die Sitzplätze hatte; wie er mit Fieber ins Stadion ging, um seinen Verein anzufeuern.

Und dann kam die Erkrankung. Er musste rüber zu den Sitzplätzen, wo sich eine ganz andere Welt aufzutun scheint, mit eigenen Regeln („bloß nicht zu lange stehenbleiben“) und eigenen Ritualen („10 Minuten vor Abpfiff das Stadion verlassen“).

Auf einmal ist alles anders. Er kommt sich vor, als hätte er einen Teil seiner Identität verloren:

„Von den Spielen bekomme ich fast weniger mit als in der Kurve mit ihren ganzen Fahnen, Schalparaden und zum Klatschen hochgereckten Armen. Die Hälfte der Zeit schaue ich nicht aufs Spielfeld, sondern auf die Stehplätze. Suche meine Freunde, lausche den Liedern (…). Ich sehne mich zurück in ihre Mitte, will wieder sinnhafter Teil dessen sein, was allgemein als ‚Stadionerlebnis‘ bezeichnet wird. Doch es ist viel mehr, das weiß ich jetzt. Es ist Leben – zumindest für mich.“

Den kompletten Artikel „Ich geb‘ mein Herz für dich…“ gibt es auf fankultur.com zu lesen.

Hier zeigt sich mal wieder, dass die Communities, zu denen sich Fans zusammenschließen, keine in sich homogenen Gruppen sind, von denen man sagen könnte, dass sie auf eine bestimmte Art und Weise ticken. Sie bestehen vielmehr aus diversen Teilgruppen, die sich aufgrund ihrer jeweils eigenen Regeln, Rituale und Werte bewusst oder unbewusst voneinander abgrenzen.

Dieses Phänomen findet man in Online-Rollenspielen (von Spielern gegründete Gilden mit jeweils eigenen Regeln und Wertvorstellungen) ebenso wie bei Film-Helden (jede Hauptfigur von Star Wars hat ihre eigene Fanbase und ist für ihre Fanbase der Dreh- und Angelpunkt ihrer Star Wars-Erfahrung) und sogar im Kontext von Xing: die Bandbreite der Themen und Interessen, denen sich die verschiedenen Gruppen dieses sozialen Netzwerks widmen, ist enorm – und es sind längst nicht alle Business-orientiert. Xing ist kein reines Business-Netzwerk, auch wenn man dies zunächst annehmen möchte.

Diese einzelnen Teilgruppen zu identifizieren, zu charakterisieren und schließlich auf geeignete Weise anzusprechen ist eine der zentralen Aufgaben im Community Management.

Danke, Stefan, für deinen bewegenden Artikel. Ich hoffe sehr, dass du bald wieder in deine Südkurve – und dein Leben – zurückfindest. 

Bild: Pixabay (CC0 Public Domain)

Kategorie: Fankultur, Kultur

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Hi! Ich bin Danny. Ich helfe Unternehmen, ihre Fans und Follower zu begeistern. Wenn ich mal nicht in Online Communities unterwegs bin, verbringe ich meine Zeit mit TV-Serien, Games, Reisen, Sport und gutem Essen.